Ein buntes Podium diskutierte in Echterdingen das Thema Integration.
Amtsblattartikel vom 3. und 10. Mai 2013: Im Rahmen der SPD-Reihe „Fraktion vor Ort“ luden MdB Rainer Arnold und seine Fraktionskollegin Aydan Özoguz vor kurzem zum Zukunftsdialog „Integration geht uns alle an“ ins Rathaus Echterdingen. Das hochkarätig und bunt besetzte Podium diskutierte vor etwa 60 Zuhörern verschiedene Facetten einer gelingenden Integration.
Eine solche sei in den Filderkommunen häufig Realität, meinte Rainer Arnold in seiner Begrüßung. Integration sei eine Aufgabe für Deutsche wie Zugewanderte. Sie brauche auch Vorbilder, etwa durch Migranten im Sport oder im öffentlichen Dienst. Bislang seien Migranten von erhöhter Arbeitslosigkeit und schlechteren Bildungschancen betroffen. „Diese Probleme müssen wir auch benennen“, so Arnold.
Aydan Özoguz, Integrationsbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion mit türkischen Wurzeln, veranschaulichte in ihrem Vortrag das Thema „Integration“ mit vielen Daten. Derzeit hätten in Deutschland von 81,75 Millionen Einwohnern 15,96 Millionen einen Migrationshintergrund. „Darunter sind aber mit 8,8 Millionen mehr Deutsche als Ausländer mit 7,2 Millionen“, berichtete Aydan Özoguz. Interessant auch diese Zahlen: 2011 kamen die meisten Ausländer aus Polen nach Deutschland (173.000), gefolgt von Rumänien (95.000) und Bulgarien (52.000). „Wir haben vor allem eine europäische Zuwanderung. Deutschland ist zwar ein Einwanderungsland. Es kommen aber keine Massen hierher“, erklärte Özoguz. Von den Türken würden inzwischen mehr in die Heimat zurückkehren als neu zuzögen. „Hier haben wir inzwischen ein Negativsaldo“, so Özoguz.
Das Integrationskonzept der SPD sieht u.a. folgende Punkte vor: Weil Bildung und Sprache als Schlüssel für eine gelingende Integration begriffen werden, tritt die SPD für eine durchgängige Sprachförderung ein, beginnend in der Kita und im Kindergarten. Die Finanzierung von Integrationskursen müsse gesichert sein und die Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse müsse verbessert werden. Ganztagsschulen sollten ausgebaut und der Übergang der Migranten von Schule in Ausbildung und Beruf sollte verbessert werden. Die SPD tritt zudem für die doppelte Staatsbürgerschaft ein, die das bisherige Optionsmodell – zwischen 18 und 23 Jahren muss man sich bislang für eine Staatsangehörigkeit entscheiden – ersetzen soll. „Das Optionsmodell schafft bürokratische und juristische Probleme“, sind sich Rainer Arnold und Aydan Özoguz einig.
Über das Gelingen wie auch mögliche Probleme der Integration berichteten sodann Makbule Baskale und Dr. Stephanie Freundner-Hagestedt, die zum zehnköpfigen türkisch-iranisch-deutschen Team gehören, das in Kooperation mit dem Amt für soziale Dienste in L.-E. die Onlineplattform MigraLE konzipiert hat. Unter der Domain www.migrale.org können Migranten seit dem 1. April 2012 Infos und wichtige Adressen zum Leben in L.-E. abrufen. „Wir kommen aus Norddeutschland bzw. aus der Türkei, sind also beides Reingeschmeckte“, meinte Dr. Stephanie Freundner-Hagestedt launig. Seit mehreren Jahren würden sie beide in verschiedenen städtischen Integrationsprojekten zusammenarbeiten und ihre unterschiedlichen Blickwinkel einbringen. Freundner-Hagestedt äußerte sich auch zur schwierigen Situation der Flüchtlinge und Asylanten, die in drangvoller Enge und abgeschottet in Asylbewerberheimen in oftmals langwierigen Verfahren auf Entscheidungen bezüglich ihres weiteren Status warten würden. „Man müsste diesen Menschen in jedem Fall die Möglichkeit geben, deutsch zu lernen“, forderte Freundner-Hagestedt.
Makbule Baskale hatte symbolisch einen Koffer mitgebracht. „Wir Migranten wollen in unsere Koffer neue Sachen packen, aber auch Dinge aus der alten Heimat bewahren, weil sie zur eigenen Identität gehören“, erklärte Makbule Baskale. Viele Ausländer bzw. Migranten fühlten sich in Deutschland - bedingt durch Erfahrungen im Alltag und mit Behörden - „geduldet, aber nicht willkommen“. Auf beiden Seiten gebe es enttäuschte Erwartungen, wofür häufig Berührungsängste verantwortlich seien. Makbule Baskale wünscht sich, dass Deutsche auf Migranten zugehen, offener werden und Änderungen zulassen. „Wir brauchen eine respektvolle Behandlung und Gespräche auf Augenhöhe, mehr Miteinander und einen besseren Umgang“, so Baskale.
Alexander Ludwig, Bürgermeister in L.-E., lenkte nach diesem Appell den Blick auf Angebote der Stadt L.-E. für Migranten und Ausländer. „Integration wird bei uns als Querschnittsaufgabe aller Ämter verstanden“, erklärte Ludwig. Es seien aber nicht nur Hauptamtliche, sondern auch ehrenamtliche Kräfte gefragt, wie sie sich etwa in den Projekten „Komm und lern uns kennen“ oder „LIFE“ – letzteres Projekt bietet Alltagsberatung für Migranten bzw. Ausländer an – finden würden. „Wir machen uns in L.-E. intensiv Gedanken über das Wir und das Miteinander“, so Ludwig. Der Bürgermeister nannte sodann konkrete Beispiele: Die VHS biete etwa Deutsch- und Integrationskurse an, allgemein gebe es eine enge Vernetzung der Stadtverwaltung mit ehrenamtlichen Gruppen. Die alltagsintegrierte Sprachförderung in den Kindergärten sei ein Erfolgsmodell, es gebe einen Inklusionsbeauftragten in L.-E. und kostenlose Alphabetisierungskurse. Der Treff „Impuls“ am Neuen Markt in Leinfelden sei ein wichtiger Begegnungsort, gerade auch für ausländische Kulturvereine. Die Moschee-Standortdiskussion sei in L.-E. „ohne die sonstige Begleitmusik“ geführt worden und in der Stadtverwaltung arbeiteten viele Menschen mit Migrationshintergrund.
Zuletzt sprach Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun, Integrationsbeauftragter des SWR, noch kurz zum Thema „Politik, Medien und Integration“. Prof. Meier-Braun betonte, dass es eine „Bringschuld auf beiden Seiten“ gebe. Er bezeichnete Vereine wie etwa die Feuerwehr oder das Deutsche Rote Kreuz als (mögliche) „Integrationsmaschinen“, in denen Migranten und Ausländer gut die deutsche Sprache lernen und in die Gesellschaft integriert werden könnten. „Hier gibt es aber noch viel zu tun“, so Meier-Braun. In den letzten zehn Jahren sei in Deutschland in Sachen Integration schon einiges geschehen. „Generell brauchen wir aber weniger Integrationsgipfel und dafür eine größere praktische Umsetzung“, meinte Meier-Braun.
Eine von Gerhard Zellmer, Pfarrer im Ruhestand moderierte Diskussion mit dem Publikum beschloss diese so interessante wie wichtige Veranstaltung. Hans-Ulrich Kramer